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Fett wie ein Turnschuh – Eine Buchvorstellung

Über sich selber lachen können: eine Disziplin, die in Deutschland fast ausgestorben ist! Dank Tuvia Tenenbom gibt es druckreife Einblicke i echte Selbstironie. Direkt neben der Roten Flora, im szenigen Haus 75, hat TT recylcte ZEITartikel aus der gleichnamigen Kolumne „Fett wie ein Turnschuh“ durch den Sportredakteur Steffen Dobert vortragen lassen. Der Autor lädt zum Schmunzeln ein über sich selbst, Gott und die Welt!

Fett wie ein Turnschuh, Tuvia Tenenbom, Piper München, 208 Seiten, € 9,99.

Im Interview erfährt das Publikum, dass Tuvia Tenenbom ultraorthodox im (H)eiligen Land aufwuchs, mit 17 Jahren in die USA türmte und dann schlappe 15 Jahre studierte. TT widmete sich der Mathematik, studierte Theaterwissenschaften, Englische sowie Amerikanische Literatur, Arabisch und wurde ach noch Rabbi wie sein Vater. Allerdings ist er dabei eher unorthodox geblieben. In seiner Wahlheimat New York City in Midtown Manhatten betreibt er ein Off-Theater mit seiner Frau Isi, die ihn bei seinen Trips oft begleitet und managed. Hinter jedem fitten Mann eine fitte Frau!

In seinen Betrachtungen kommt TT zur Erkenntnis: Sport und Spiri-tualität gehen gut zusammen! Tuvia beschreibt die Exzesse, die das für Stadtneurotiker mit sich bringt.

Er läuft in NYC rum und fragt sich und andere „Was halten junge Mädchen von einem dicken Mann?“ und stellt dabei geistreiche Verbindungen zwischen reichen Sozialisten wie Dominique Strauss-Kahn und Michael Moore, Armut, Appetit und Fitness her. „Auf dem Rad mit Achmedinedschad“ beschreibt ein eingebildetes Rennen auf dem Laufband in seinem Lieblingsfitnessstudio. Auch die rabiaten Fahrradfahrer Hamburgs bekommen ihr Fett weg. Es tauchen schwarze Muskelmänner, ägyptische Fitnesstainer, Hispanics und Juden auf.  Auch über die Psychologie des Fussballzirkus berichtet TT. Manchmal ist er bewusst politisch unkorrekt: „Sex ist gut, Cola light nicht“. Hier schlägt er einen Bogen vom Deodorant zur NS-Ideologie. Es geht ferner ums Fliegen, den Mond, das Reiten und den Zumba-Tanz. Immer wieder nimmt TT sich selbst ud andere auf die Schippe: „Ich will schwarz sein“ oder „Ich werde das Adlon nicht verlassen“ und in „Will ich dünn sein, oder ein sexy Fettsack?“ bekommen Intellektuelle und das deutsche Theater sowie die israelische linke Zeitung Haaretz was ab. Selbst der geschäftsträchtige Jesus-Christus-Wanderweg in Nazarath wird lobend erwähnt.

Manchmal scheinen die intellektuellen Kapriolen weit hergeholt, doch wie jeder Rabbi, kommt Tuvia immer wieder auf seinen Ausgangspunkt zurück: Fettness und Fitness!

Jakob Krajewsky

Der Rabbi und das fleischerne Herz

Rabbi Gershon wohnte in Brooklyn mitten in Crown Heights und kaufte Etrog und Lulav für die Sukkothfeiern an improvisierten Marktständen, es waren wohl Tapeziertische aus Sperrholz, vor dem Juweliergeschäft von Silberman. Wenn ihm Touristen entgegenkamen, gerade eben ein Mann, der von zwei Frauen begleitet wurde, schlug er die Augen nieder und hielt seine Hand zum Schutz an die Stirn über die Brauen und die Augenlider.  Es war ja nicht schlimm, dass der Kerl auf beiden Seiten eine Eva bei sich hatte, bei den Stammvätern war das durchaus üblich. Nur hier ging es darum, nicht anschauen zu müssen, wie diese Frauen bekleidet waren. Wie waren diese Frauen bekleidet? Nun, völlig abscheulich. Die eine trug hohe Schuhe, das ging ja noch, aber einen ganz kurzen, grünen Rock und die andere trug flache Schuhe, dass ging ja auch noch, doch diese Korpulentere trug eine grobe Bluejeans, eigentlich ja eine jüdische Erfindung, ganz eng auf ihrer Haut anliegend. Beide hatten ihre Haare offen, die eine kurz, die andere lang. „Abscheulich, einfach abscheulich“, murmelte der Mann in dem schwarzen Kaftan und fing an zu zittern.

Plötzlich stürzte er auf den Bürgersteig und blieb dort stöhnend liegen. Er griff mit der rechten Hand nach seinem Herzen. Die Touristen waren längst verschwunden und schließlich waren Passanten bei Rabbi Gerschon, um ihm zu helfen. Sie riefen eine Ambulance und der eine, vermutlich ein Arzt, machte eine Herzmassage, denn er hatte den wahren Zustand von Rabbi Gershon erkannt.

Mit lautem und gequältem New Yorker Martinshorn fuhr der Rabbi in diesem Zustand zwischen Sein und Nicht-Sein in das Brookdale University Hospital and Medical Center, um dort seinem Schöpfer zu begegnen und vorher noch dem diensthabenden Herzchirurgen mit seinem Team. Sie öffneten rasch seinen Brustkorb und entnahmen Gewebeproben. Rabbi Gershon wurde an die Herz-Lungenmaschine gelegt und künstlich beatmet, seine Eva kam Tag für Tag und bei den Chabadniks betete man um ein Wunder der Heilung. Nichts geschah, der Ewige schwieg und der Rabbi ebenso.

Das ging noch eine Weile bis sich der Zustand wieder verschlechterte und der zweite Rabbi namens Shlomo, in der Gemeinde den Frommen sagte: „Erst muss sich der Zustand verschlechtern, Gershons Zustand und der Zustand der Welt, so dass der Messias, unser Messias Schnerson, wiederkommen kann und wird. So wird es sein, ich weiß es.“

Vielleicht hoffte er aber, trotz aller Frömmigkeit, insgeheim doch auf ein Ableben des ihm vorgesetzten Meisters Gershon, damit ihm dann die Ehre und Last zuteil würde, die Gemeinde auf das Kommen des wahren Messias vorzubereiten, wer weiß es schon, was im Herzen eines Menschen verborgen ist?

Es gab schreckliche Erfahrungsberichte im Internet über das Krankenhaus: „THIS IS THE WORST, RUDE AND DIRTIEST HOSPITAL! I live in Baltimore, Maryland. My brother was hit by an SUV Sunday night. The doctors nor the police notified us until his job called us Tuesday morning wondering why he haven’t been to work and after speaking to the police twice we learned what happened. My family rushed a 4hr drive to get to this hospital. We got there around 11.“

Rabbi Gershon war indessen ganz in der Welt des Geistes:„Wären alle Weisen Israels auf der Waagschale und Elieser, Sohn von Hyrkan, auf der anderen Schale, er würde sie alle überwiegen: Abba Schaul sagte in seinem Namen: Wären alle Weisen Israels auf der Waagschale und auch Elieser, Sohn von Hyrkan, bei ihnen und Elasar, Sohn von Arach, auf der anderen Schale, er würde sie alle überwiegen. Er sprach zu ihnen:Gehet hinaus und sehet, welches ist ein guter Weg, dass der Menschan ihm festhalte. Rabbi Elieser sagt: Ein wohlwollendes Auge (zu haben). Rabbi Joshua sagte: Ein guter Freund (zu sein). Rabbi Jose sagte: Ein guter Nachbar (zu sein) Rabbi Schimon sagte: Wer die Zukunft kennt. Rabbi Elasar sagt: Ein gutes Herz zu haben. Da sprach er zu ihnen: Ich ziehe die Worte Elasars, Sohnes von Arach, euren Worten vor, denn in seinen Worten sind eure Worte enthalten. Er sprach ferner zu ihnen: Geht hinaus und seht, welches ein schlechter Weg ist, dass sich der Mensch von ihm fernhalte. Rabbi Elieser sagte: Ein missgünstiges Auge. Rabbi Joshua sagte: Ein schlechter Freund. Rabbi Jose sagte: Ein schlechter Nachbar. Rabbi Schimon sagte: Wer leiht und zahlt nicht zurück. Es ist dasselbe, ob einer von Menschen leiht, wie wenn er vom Allgegenwärtigen leiht, so heißt es: Der Bösewicht leiht und bezahlt nicht, aber der Fromme erbarmt sich und gibt. Rabbi Elasar sagte. Ein schlechtes Herz.“

Nun in der Tat Rebbe Gershon hatte ein schlechtes Herz, vielleicht in einem doppelten Sinne, wer weiß?Sein eigenes Herz konnte nichts mehr aushalten und er wusste, dass er sch vor seinem Schöpfer für alle seine guten und bösen Taten verantworten musste.

Als Gershon wieder erwachte, saß seine Eva bei ihm und er stellte fest, dass sie seine Hand gefasst hatte und ein Mann in Weiß, ein Engel, stand hinter Eva und dieser schaute ihn prüfend an und musterte ihn, um seinen Mund war ein leichtes Zucken zu sehen. Rebbe Gershon wusste nicht, ob er sich in dieser oder jener Welt befindet.

„Eine Spanne ist Ihnen hinzu getan worden Rebbe,“ sagte der Professor und Gershon fühlte sich wie ein Fremder, der nach langer Zeit wieder nach Hause gekommen ist.

„Wo bin ich?“ entfuhr es Gershon. „Bei Reb Schnerson oder immer noch auf der Erde, oder ist Schnerson wieder auf die Erde in diese Welt gekommen?“ Gershon war verwirrt.

„Wir mussten Ihnen ein neues Herz einpflanzen, es ist stark und schön und wird gut funktionieren, sagte der Mann in Weiß. „Ein Wunder, baruch ha ba’a“ rief Gershon aus. Auch Rabbi Schlomo war im Raum und schien sich zu freuen, doch hatte sein Lächeln um die Mundwinkel etwas Düsteres.

Der  Engel sagte: „Wir haben Ihnen ein Schweineherz eingesetzt, Rebbe, das Schwein ist physiologisch und von der molekularen Zellstruktur dem Menschen am Ähnlichsten. Wir wünschen Ihnen ein langes Leben!“

„Oiwawoi!“ schrie Gershon, „ein Fremdkörper in meinem Körper, noch dazu von einem Schwein. Sie wissen, was das bedeutet?“

„Nun?“ fragte der Professor. „I am very unkosher mit diesem Herzen“ und Rabbi Schlomo ergänzte: „Du kannst nun nicht mehr die Gemeinde leiten. Gar nichts kannst du, nicht mal mehr in den Gottesdienst gehen und nicht mehr Schabbes feiern und nicht mehr mit anderen Jidden zusammensein!Dein Herz ist schlecht!“

Und Shlomo freute sich schon auf die Leitung der Gemeinde, er würde alles so machen, wie er es für richtig hielte. Doch Gershon unterbrach und sagte:“ Rabbi Yehoshua lehrt: „Wenn es dem Leben dient, dann dürfen alle anderen Mizvoth außer Kraft gesetzt werden.“

Als Rabbi Gershon nun die Haftara, also den Prophetentext auslegte, sagte er „Wer braucht schon eine OP am offenen Herzen, doch ich sage euch, der Ewige sagt euch, ganz Israel und den Völkern: Und ich will euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euch legen; ich will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.“ 

Ich, jawohl, ich selbst habe es erlebt, wie mir der Ewige ein neues, fleischernes Herz gegeben hat und das Steinerne hinweggenommen hat und ich habe die Engel und die Toten gesehen und den Thron des Allerhöchsten gesehen. Ich sage euch, es ist noch nicht zu spät für euch, lernet Barmherzigkeit auch mit euch selbst und lasst euch ein neues Herz geben, bevor ihr womöglich im Sheol landet. Seid barmherzig mit euren Feinden und Freunden und mit euch selbst, denn der Ewige wünscht es und nicht jedem kann so ein außerordentliches Erlebnis wie mir zuteil werden.“

Auf dem Weg nach Hause, 1000 Schritte waren erlaubt, hatte Gershon seine Eva bei sich und ein Mann mit zwei Frauen an seiner Seite kam ihnen entgegen. Wie zur Gewohnheit wollte Gershon den Blick abwenden, aber nein, eine innere Stimme sagte ihm, schaue dem Mann und den Frauen in die Augen, wende dich nicht ab und übe Barmherzigkeit. Als er fest in der Dunkelheit in die Augen seines Gegenübers sah, er roch nach Whiskey und Zigarrenqualm und als er ihn erkannte, sagte Gershon nur: „Das gilt auch für dich, Reb Shlomo!“

Jakob Krajewsky